Der Markt macht den Milchpreis

Informationskreis der Privaten Molkereien in Oberbayern erwartet in Zukunft noch stärkere Veränderungen des Milchpreises durch wachsenden markwirtschaftlichen Einfluss.

Die Entwicklung des Milchpreises wird von allen Marktteilnehmern nach wie vor mit Spannung verfolgt. Nach dem von den Molkereien als erfolglos eingestuften Milchstreik im letzten Sommer ist der Preis national auf eine stufenweise Talfahrt gegangen. Es ist noch ungewiss, wie sich der Milchpreis mit den derzeitigen Regulationen wie Einlagerung und Interventionszahlungen und unter dem Einfluss eines weltweiten Rohstoffmarktes weiter entwickeln wird. Handel, Erzeuger und die regionalen Verarbeiter, wie die Privaten Molkereien Alpenhain, Bergader, Meggle und Milchwerk Jäger sind damit vor große Herausforderungen gestellt.

Der Kieler Rohstoffwert Milch, den das Informations- und Forschungszentrum für Ernährungswissenschaft e.V. in Kiel, ife, berechnet, wird derzeit mit 19,8 ct/kg angegeben – beinahe die Hälfte des Wertes aus dem Sommer 2007. Damit ist der Wert nicht nur auf einem besonders niedrigen Stand angekommen, er wird auch als Indiz für die Entwicklung des Milchpreises in 2009 aufgefasst. „Es leuchtet ein, dass die Milchpreise wohl kaum auf dem schon Ende 2008 erreichten Niveau gehalten werden können. Die Erzeuger werden sich auf Milchpreise wie 2006, vielleicht noch niedrigere einstellen müssen“, so Erhard Richarts vom ife in Kiel.

Kieler Rohstoffwert und Milchpreis in Deutschland.

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„Es bleibt abzuwarten, wie sich der Milchpreis in 2009 entwickeln wird. Auch wir Unternehmen erleben die aktuellen Veränderungen und sind marktwirtschaftlichen Gegebenheiten wie Einbrüchen beim Exportgeschäft oder Verbraucher-zurückhaltung in Folge einer veränderten Wirtschaftslage unterlegen“, so Barbara von Hagmann, Geschäftsführerin der Käserei Alpenhain.

Übereinstimmend nennt das ife die nachlassende Nachfrage am europäischen Binnenmarkt, den Rückgang der Exporte und die Steigerung der erzeugten Milchmenge als Ursache für die aktuelle Talfahrt. Seit einigen Tagen werden nun wieder Erstattungen gewährt, die die Differenz zwischen dem EU-Binnenmarktpreis und dem niedrigeren Weltmarktpreis überbrücken sollen. Im laufenden Quartal sollen dann als weitere Regularien auch die staatliche Intervention und Lagerung eingesetzt werden.

„Die mögliche Verbraucherzurückhaltung und eine starke Preissensibilität sind perspektivisch gesehen für uns ein sehr wichtiger Faktor. Umso mehr müssen wir gemeinsam mit unseren Milchlieferanten an einem Strang ziehen“, gibt Beatrice Kress, Geschäftsführende Gesellschafterin der Privatkäserei Bergader unter Zustimmung von Dr. Franz Mayer, Geschäftsleitung Rohstoffbeschaffung bei der Molkerei Meggle, zu bedenken.

Die öffentliche Diskussion um den Milchpreis ist zwar seit dem Sommer stark abgeebbt, doch ist die Formel „Milchpreis ist gleich Handelspreis abzüglich Handelsmarge minus Verarbeitungskosten“ leider noch immer in vielen Köpfen verankert. „Unsere Milchbauern bekommen seit jeher einen höheren Milchpreis als zum Beispiel die Mitglieder der Genossenschaften in Norddeutschland. Wie sich der Preis im Laufe des Jahres entwickeln wird, hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab. Die Bandbreite reicht da von der großen Weltwirtschaft bis hin zur Geldbörse der Verbraucher“, stellt Hermann Jäger vom Milchwerk Jäger fest.

Welche Faktoren im Einzelnen den Milchpreis bedingen, zeigt daher der Informationskreis der Privaten Molkereien in Oberbayern bestehend aus den Käsereien Alpenhain und Bergader, sowie den Molkereien Meggle und Milchwerk Jäger im Folgenden auf.

Fakt 1: Der Milchpreis setzt sich aus vielen verschiedenen Faktoren zusammen, die im Wesentlichen durch Angebot und Nachfrage bestimmt werden.

Die Art der Rohstoffverwendung wirkt sich vor allem auf den Milchpreis aus. Eine Molkerei, die zum Beispiel nur Frischmilch mit natürlichem Fettgehalt anbietet, kann auf Grund geringerer Herstellungskosten und einer besseren Marktlage einen höheren Preis für den Rohstoff zahlen als ein Betrieb, der Käse oder Magermilchpulver herstellt. Die Preise, die die verarbeitenden Unternehmen ihren Milchbauern zahlen, hängen immer von der Nachfrage des Marktes nach ihren Produkten ab - also von der Menge, die Handel, Endverbraucher oder Großverbraucher verlangen und von dem Preis, den diese bereit sind zu zahlen. Wird weniger nachgefragt, muss der Preis sinken, wird mehr nachgefragt, kann die Molkerei höhere Preise verlangen. Mehr und mehr beeinflusst dabei der weltweite Bedarf den Preis auf dem deutschen Markt. Gerade Magermilchpulver, Butter, weltweit gefragte Käsesorten und Laktose unterliegen im Preis sehr stark dem globalen Gefüge. So stieg beispielsweise im Jahr 2007 der Preis für Magermilchpulver drastisch an, als Australien - eines der Schlüsselländer im weltweiten Milchmarkt - eine große Dürre zu bewältigen hatte.

Der Milchmarkt wird außerdem nach sogenannten Segmenten unterteilt, die sich nach Verarbeitung und Lagerfähigkeit unterscheiden. Unverarbeitete Rohstoffe wie lose Milch, Rahm und Milchkonzentrate werden mit höchster Priorität verarbeitet und müssen entsprechend der kurzen Lagerfähigkeit auch schnell verkauft werden, Käse ist länger lagerfähig. Sehr wichtig für den Ausgleich von Angebotsschwankungen am Markt sind Butter und Magermilchpulver, die auf Grund der langen Haltbarkeit bei einem hohen Milchaufkommen und einem gesättigten Markt die letzte Möglichkeit der Verarbeitung darstellen. Diesen kommt deshalb eine Schlüsselfunktion bei der Milchpreisbildung als Mindestverwertung im internationalen Gefüge zu.

Die Konzentration der Verarbeitung liegt auf den erstgenannten Segmenten, diese bestimmen zu einem Großteil die Preisbildung am Markt und damit den Preis, der durch die Molkereien und den Handel von Endverbrauchern oder Großkunden verlangt werden kann. Nach Abzug der Kosten der Molkerei ergibt sich dann der Auszahlungspreis an den Milchbauern.

In Deutschland fließen nur etwa 12 Prozent der Milchmenge in die Trinkmilchproduktion, hingegen etwa 44 Prozent in die Käseherstellung. In Bayern lag der Rohstoffeinsatz für die Produktion von Käse in 2008 um 54% höher als der Einsatz für die Produktion von Konsummilch und Milcherzeugnissen. Um auf Dauer einen höheren Milchpreis zu realisieren, müsste dementsprechend auch der Erlös für Käse deutlich höher ausfallen. Käse ist ein wichtiger Exportartikel der deutschen Milchindustrie und damit nicht von Preisen auf dem deutschen Markt abhängig, sondern vor allem von dem Preisniveau in den EU-Ländern. In 2008 wurden 416.732 t Käse aus Bayern exportiert.

Überdies unterliegt der Markt saisonalen Schwankungen der verfügbaren Rohstoffmenge. Diese ergeben sich vor allem aus der Tatsache, dass die Milchanlieferung einen anderen jahreszeitlichen Verlauf hat als der Verbrauch an Molkereiprodukten. Diese Schwankungen sind auf internationaler Ebene noch deutlicher ausgeprägt als innerhalb der EU, wodurch ebenfalls der Weltmarktpreis für Milch bestimmt wird, der sich wiederum auf den heimischen Markt auswirkt. Diese Schwankungen versuchen vor allem die bayerischen Molkereien seit Jahren zu glätten, um die Auswirkungen für die Milcherzeuger geringer zu halten.

Fakt 2: Der globale Milchmarkt wird immer mehr Einfluss auf die Situation der Milchbauern in Deutschland nehmen.

Deutschland ist ein stabiler Markt für Milchprodukte mit mehr oder weniger stabilen bis leicht wachsenden Absatzzahlen in den einzelnen Produktgruppen. Viele Unternehmen sind durch diese hohe Marktsättigung im Inland gezwungen, für ihre Produkte neue Märkte innerhalb und außerhalb der EU zu erschließen. Dabei ist vor allem Russland im Bereich der Käseproduktion von großer Bedeutung, sowie allgemein der nahe und ferne Osten. Die Preise am Weltmarkt richten sich rein nach Angebot und Nachfrage und werden zudem in Dollar berechnet.

Bei der Rohstoff-Preisberechnung im Inland spielen die Faktoren Weltmarktpreise und -nachfrage aber wie erwähnt bereits eine große Rolle. Die Weltmilchbilanz ist hier der entscheidende Faktor. Liegen z.B. die erzeugten Milchmengen unter dem internationalen Verbrauch, werden die Lager von Magermilchpulver und Butter ausgeräumt. Sind die Lagerbestände bei gleichbleibend hohem Verbrauch erschöpft, steigen in der Folge die Weltmarktpreise. Seit Mitte 2007 die Exporterstattung (Ausgleich unterschiedlicher Preise in EU- und Welt-Markt) ausgesetzt wurde, ist der Milchpreis in Europa direkt mit dem Weltmarktniveau gekoppelt.

Fakt 3: Nach Wegfall der Milchquote wird der Milchpreis verstärkt marktwirtschaftlichen Gegebenheiten unterliegen.

Bereits heute wird der Milchmarkt in Deutschland von Angebot und Nachfrage beeinflusst. Die Milchquote mit zugewiesenen Referenzmengen pro Milcherzeuger regelt jedoch grob das Mengenangebot. Nach dem geplanten Wegfall der Quotenregelung im Jahr 2014/15 auf Betreiben der Verantwortlichen der EU-Agrarpolitik wird sich der Markt gänzlich nach Angebot und Nachfrage richten müssen. Wo zuviel produziert wird, wird die Ware billiger abgegeben werden müssen und umgekehrt. Von den 27 EU-Ländern haben sich nur Deutschland und Österreich gegen eine Quotenausweitung schon ab diesem Jahr ausgesprochen. Bei Abschaffung der Milchquote ist die völlige Liberalisierung des Milchmarktes zu erwarten und damit eine Angleichung des Milchpreises auf Weltmarktniveau – hier übt auch die WTO starken Druck aus.

Fakt 4: Die Milchwirtschaft in Oberbayern unterliegt anderen strukturellen Bedingungen als die Milchwirtschaft in den übrigen Gebieten Deutschlands.

Die Weltmilchmenge steigt pro Jahr fast um doppelt soviel wie die gesamte bayerische Milchmenge. Anders als in anderen Milchregionen Deutschlands und Europas herrschen in Bayern im Durchschnitt noch über Jahrzehnte gewachsene kleinteilige Betriebsstrukturen. Aufgrund der räumlichen Gegebenheiten haben die Höfe oftmals keine Möglichkeit zu wachsen, wenn Sie z.B. innerhalb von Ortschaften oder in den Bergregionen liegen. Die Milchviehbestände sind nur halb so groß wie z.B. in Niedersachsen. Im europäischen Vergleich sind die bayerischen Höfe nur etwa ein Fünftel so groß wie die Höfe in Großbritannien oder Dänemark. In der Folge können diese oftmals maschinell nicht rationell bewirtschaftet werden und unterliegen einem besonderen wirtschaftlichen Druck. Im Gegensatz ist der niedrigere Milchpreis im Norden für die milchwirtschaftlichen Betriebe in Niedersachsen oder NRW ausreichend. Letztlich stellt sich die Frage, ob der Verbraucher in Bayern bereit ist, unter Aspekten der Kulturerhaltung und Landschaftspflege für diese Form der Landwirtschaft einen entsprechend höheren Preis zu zahlen.